Transalp 2013

Mit Katharina Pietsch und Yvonne Dippel haben sich dieses Jahr zwei ultra nette Triathletinnen an diese ultra schwere Legende, bei der man nur paarweise starten darf, herangetraut und standen somit als Damenteam am 23.6. in Sonthofen an der Startlinie.

Aber, was ist die Legende Transalp eigentlich? Und was macht den Mythos aus?

Ganz nüchtern ausgedrückt eine Radtour über 7 Etappen von Bayern über die Alpen bis an den Gardasee. Dass dabei jede Menge an Höhenmetern zu überwinden sind und es nicht einfach ist, entspricht nun mal dem Profil der dortigen Gegend. Dass dies eine Mordsanstrengung darstellt und natürlich eine lange und intensive Vorbereitung beinhaltet, versteht sich von selbst. Auch, dass man zwangsläufig in Grenzbereiche der physischen Leistungsfähigkeit geraten kann, erwartet man von so einem Gewaltakt auf 2 Rädern schon. Aber, dass man von Anfang an noch viel mehr an seine psychischen Grenzen stößt und dies öfter, als einem lieb ist, das macht an sich die eigentliche Leistung aus. Dieses, sich auf fast jedem Kilometer neu beweisen müssen, zu was man fähig sein kann und im Endeffekt auch ist, das ist die wahre Herausforderung, die sich hinter den nackten Tatsachen versteckt. Die Emotionen, also die Ängste, Freude und Unsicherheit, die einen die ganzen 7 Tage begleiten und auch in Ruhepausen permanent beschäftigen, sind doch das eigentlich Interessante an so einem Abenteuer. Deshalb möchten wir Ihnen das höchst emotionale Tagebuch von Katharina Pietsch nicht vorenthalten, denn es drückt weit mehr über den Transalp aus, als wir hier in der Redaktion im Vorfeld vermutet haben.

1. Etappe Sonthofen – St. Anton 124,78 km / 2279 Höhenmeter (HM)

Schwarzer Tag!

  • Am Start super aufgeregt!! Besonders die Angst vor dem Unbekannten drückt stark aufs Adrenalinausstoßventil. Und dann die Massen von Rädern am Start! Horror.
  • Die ersten 13 km sind neutralisierte Phase (Überholverbot). Feld super nervös, ständiger Wechsel zwischen vollem Antreten und Vollbremsung. Hatte echt Angst vor Unfall, Massenkarambolage oder einem fremden Lenker in meinem gut gepolsterten Allerwertesten.
  • Nach Rennfreigabe erstmal richtig geiles, weil schnelles Tempo in welligem Gelände. Die Anspannung ging langsam in Spaß über.
  • Bis km 75. Dann war Schluss mit lustig. Es kamen die Berge. Und wie! Mit Nebel, Kälte und Nässe. So schlechte Sicht, dass die Marshalls auf ihren Motorrädern hupen mussten, um Kurven anzuzeigen. Im Tunnel dann der erste Schock: ein Radunfall und jede Menge Krankenwagen.
  • Wir waren leicht kaputt und extrem ängstlich wegen des Unfalls. Und permanent dies Sauwetter. Also Ruhe bewahren, Schock verdrängen und noch vorsichtiger fahren. Aber Bremsen war schon ein echtes Problem.
  • Auf den letzten 5 km endlich etwas Sonne und damit trockene Straße. Aber sofort der nächste Horror. Ein Notarzt geht mit einer Rettungsdecke hinter der Leitplanke den Abhang runter! Oh nee, bitte nicht. Mein Magen machte sofort blöd. Grübelnd fuhren wir leichenblass ins Ziel.
  • Abends auf der Pasta Party der Ultra Schock: der Mitstreiter war tot. Dann wurde auch noch die 2. Etappe aufgrund von Wintereinbruch abgesagt. Schneefallgrenze war auf 1500 Meter gesunken. St Anton liegt 1300m hoch!
  • Kloß im Hals. Sollten wir überhaupt noch weiter fahren???

2. Etappe abgesagt, Ruhetag in Imst

3. Etappe Imst – Zernez 111 km – 2474 HM

  • Wir machen weiter. Trotz der Umstände! Sind aber extrem nervös!
  • 1. Anstieg Pillerhöhe super, Abfahrt schlimm. Sausteil und meine Hände krampften derart, dass ich 3x halten musste. Yvonne dachte ich wäre vor ihr und fuhr mir in einer Gruppe davon. Oh nein, 15 km Mutterseelen allein gegen den Wind. Ich hab anfangs versucht, an die Gruppe in der Yvonne war ran zufahren, aber ich hatte bei dem Gegenwind keine Chance. Ich hoffte nur, dass Yvonne mich bald vermissen und warten würde. Allein würden die mich vielen km und hm in die Knie zwingen.
  • Auf einmal fuhr eine Gruppe auf mich auf. „Wilschte eini ?“ Und wie ich wollte! Schön in der Mitte einsortiert, wo der meiste Windschatten ist, und ab ging die Post. Ich war mehr als heilfroh, dass die mich mitnahmen.
  • Irgendwann tauchte eine leichenblasse Yvonne auf. Sie hatte einen Riesenschrecken bekommen, als sie realisierte, dass sie mich verloren hatte!
  • Ab da ging es wieder zu zweit weiter. Und wir wussten nach unserer kurzen Trennung noch mehr zu schätzen, dass wir das Rennen als Team bestreiten mussten (durften!).
  • Am Ende warteten drei Anstiege auf uns, die wir in dieser Steilheit noch nie gefahren sind. Ich dachte, mir springen gleich die Wirbel aus der Säule, aber ich wollte partout nicht absteigen und schieben. Nebenbei wunderte ich mich, dass alle anderen eine viel höhere Trittfrequenz fahren konnten!?
  • Im Ziel stellte sich heraus dass ich nur ein 25er Ritzel hatte. Alle anderen fuhren mit 28! Auch Yvonne. Ich streikte und wäre mit dieser Übersetzung nicht weiter gefahren, aber zum Glück konnte ich dort oben eine neue Kassette erstehen, die mir mein Freund, der uns als Helfer begleitete, noch vor der 4. Etappe anbauen konnte. Mit dem 25er Ritzel hätte ich die kommenden Tage nicht geschafft.

4. Etappe Zernez – Livigno – die Königsetappe 137 km – 3993 HM! 4 Pässe

  • Zweifel pur am Start- kann ich sowas schaffen??? Fast 4000 Höhenmeter. An sich unvorstellbar, denn die vergangenen Etappen waren schon sehr viel steiler und anstrengender als vermutet. Aber diese Etappe war einfach nur die Krönung. Zumindest am Start!
  • Mit diesen Hornissen im Bauch gingen wir den ersten Pass (Ofenpass) ganz defensiv an. Also mit möglichst niedrigem Puls die ersten 20 km rauf. Bloß nicht zu viel Körner vergeuden! Es regnete, typisch weibliches Blasenentzündungswetter, und wir waren sofort bis auf die Knochen nass. Zum Glück wurde es nach 15 km einigermaßen trocken
  • Dann der Königsanstieg! Das Stilfserjoch! Also kleinsten Gang rein und kurbeln. 48 Kehren hoch. „Das schaff ich doch nie! Besser nicht daran denken, sondern einfach nur kurbeln was die Waderln hergeben. Mein armer Rücken meldete sich bereits bei Kehre 5 – der fand das nicht so lustig – und ich kämpfte mehr gegen die Schmerzen als gegen die Steigung. An der Franzenshöhe brauchte ich ne kurze Essenspause, sonst wär ich zusammengebrochen. Also schnell nen Riegel rein gepfiffen und weiter. Trotz der Probleme lassen wir sogar einige Teams hinter uns! Ein irres Gefühl, bei so einem Anstieg noch Mitstreiter zu überholen. Und das, obwohl bergauf bisher nie meine Stärke war! Endlich Kehre 1! Nur noch 1 km und ich habe den höchsten Berg Italiens mit dem Rad erklommen. Während neben uns noch Leute Ski fahren. Einfach irre!!! „Das Schlimmste für heute geschafft“…dachte ich…
  • Der Passo Foscagno bewies mir sehr schnell, dass ich total daneben lag! Wieder gute 1,5 Stunden den Gemsen hinterher, also kurbeln bis die Lunge streikt, und die Rückenschmerzen ausblenden. Aber als wir an der steilsten Stelle ein anderes Damenteam überholten, kam schlagartig die Euphorie zurück. Wir fühlten uns bärenstark.
  • Zumindest bis wir zum letzten Pass (Passo d Eira) kamen. Attacke, Endspurt. Ich war mehr als euphorisiert!!! Aber dann der Knick. Yvonne wurde schlecht, sie hatte zu wenig gegessen und kroch auf dem Zahnfleisch. Oh nein, bitte keinen Hungerast. Quasi auf den letzten Metern vorm Etappenziel wollte ich nicht aufgeben müssen. Ich fütterte Yvonne mit guten Worten, Gel und Cola und sie rappelte sich wirklich auf. Sie musste zwar tierisch kämpfen und hatte Mühe im Sattel zu bleiben, aber sie hielt durch! Nach gnadenlos langen 7.53h Stunden hatten wir es geschafft! Wir waren in Livigno angekommen, Saustark! Saustolz!!!! Das `Wir-Gefühl` war einfach nur riesig.

5. Etappe Livigno – Aprica 117 km – 2880 HM

  • Wir fühlten uns leider am Start schon wie Helden. Bisschen früh, denn heute sollte eine weitere, krasse Herausforderung auf uns warten – der Mortirolo!!! Nomen est Omen
  • 70 schnelle flache km, die wir aber etwas zu schnell gefahren sind. Dann mit dicken Beinen in den Berg. Zum Glück schien die Sonne! Es folgten mörderische 15 km mit Steigungen bis 20 %!!!! Ach du dickes Ei, das kann ja heiter werden. Unser neu definiertes Ziel: nur nicht absteigen. Mein Tacho zeigte nur noch 5 km/h an! Ich stand fast, aber immerhin befand ich mich im Gegensatz zu bereits schiebenden Mitstreitern immer noch auf dem Rad. Ein mentaler Kampf-Krampf folgte: „Besser doch Schieben? Nein, so lang Yvonne nicht absteigt, tu ichs auch nicht“. Sie dachte übrigens dasselbe. Gute 2 Std haben wir gebraucht, um auf dem höchsten Punkt anzukommen. Heute ein König…..denn wir haben nicht geschoben – saugeil!!!!

6. Etappe Aprica – Kaltern 145 km – 2890 HM

  • Dies sollte sich als der Tag mit den bisher schlimmsten Schmerzen meines Lebens herausstellen – zumindest was das Radfahren betrifft!
  • Am Start noch gedacht, dass es heut nicht mehr so schlimm werden wird. Pustekuchen!!! Voll geistig verzockt. Ich hatte mich luftig angezogen, schließlich ging es heute ins sonnige und warme Südtirol – aber es wurde die kälteste und nasseste Etappe der ganzen Tour (Tortour!)
  • Bereits unten im ersten Berg fror ich wie ein Schlosshund – unten wohlgemerkt- und es lagen noch fast 40 Bergkilometer vor mir! Oben auf dem Berg dann 2 Grad!!! Und Regen. Ich dachte, mir frieren gleich die Zehen weg. Zum Glück wartete dort mein Freund mit Jacken, Handschuhen und Überschuhen auf uns. Aber ich war fertig. Ich war so was von ultra durchgefroren, dass selbst die Schutzkleidung wenig brachte. Und der verdammte Regen peitschte mir zusätzlich permanent in die Fresse.  Hände und Füße spürte ich auf der Abfahrt nicht mehr, so dass Bremsen zum Roulettspiel wurde. Aber sie waren zumindest noch da, wie ich ja visualisieren konnte, also zwang ich sie geradezu die Bremshebel zu betätigen. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich war am Ende. Ich überlegte ernsthaft in einen Rettungswagen zu steigen und die Sache zu beenden. Und das auf einer Abfahrt! Diese verdammte Abfahrt war so unendlich lang und so grausam kalt. Aber diesmal half mir Yvonne. Sie blieb bei mir und redete andauernd auf mich ein, so dass ich abgelenkt war und meine Schmerzen etwas verdrängte. Und, oh Wunder, nach ca 20 km hatte sie es geschafft, ich berappelte ich mich mental etwas und fing an zu kämpfen. Ja und obwohl es mir die gesamte Etappe ganz mies ging und ich wie ein Schneider fror, kämpfte ich mich tatsächlich bis nach Kaltern ins Ziel. Jetzt wussten wir, warum es als Teamwettbewerb ausgeschrieben war und wie toll es ist, wenn man als Team funktioniert und sich gegenseitig hilft. Diese Erkenntnis und eine heiße Dusche erweckten so langsam wieder meine Lebensgeister.

7. Etappe Kaltern – Arco Zielsprint 104 km – 1624 hm

  • Ich war wieder Warmblütler und außerdem unendlich motiviert. Deshalb beschlossen wir beim Frühstück: Keine Pipipause, nichts! Heute hauen wir richtig einen raus!
  • Die ersten 32 km bis zum Berg mit nem 39er Schnitt – richtig geil! Dann der erste Pass. Ich hatte anscheinend über Nacht neue Beine bekommen. Warme und verdammt schnelle Beine. Bei 15 Grad und Sonnenschein flog ich nur so durch die Alpen!!! Mit Yvonne im Windschatten und diesen Zauberbeinen peitschte ich uns geradezu die Berge hoch. Ich hab mich wohl noch nie sie stark auf dem Rad gefühlt, wie an diesem letzten Tag der Transalp!!! Zielnähe verleiht anscheinend Flügel!!! So schnell kann es gehen, das war im krassen Gegensatz zum Vortag der positivste Radtag in meinem Leben! Nur noch den letzten Berg, den Passo del Bellino, hoch und gleich müssten wir den Gardasee erblicken! Und da war er!!! Auf den ganzen 15 Kilometern der letzten Abfahrt hatten wir ihn voll im Blick!!!
  • Ich bin stolz auf mich!!! Ich bin tatsächlich von Bayern über die Alpen an den Gardasee gefahren. Mit dem Rad wohlgemerkt. Das schaffen nicht all zu viele Mädels dieser Welt! Yeah, ich bin wirklich stolz wie Oskar!!! Stolz, weil ich mich selber mehrmals überwunden habe. Weil ich nicht aufgegeben habe, obwohl ich kurz davor stand. Weil ich meinen Teil dazu beitragen konnte, dass wir als Team, als grandioses Team, zusammengehalten haben. Es war ein Grenzerlebnis, was ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Aber auch nicht unbedingt jedes Jahr wiederholen möchte…!