HNA Yogasommer

Yoga - einfach göttlich!

Von Marion Meilinger-Frisch

Die Tür zum göttlichen Büro wurde aufgerissen und der kleine Gott stürmte hinein. Gottvater blickte von seinem PC auf und musterte missbilligend seinen Sohn. „Kannst du nicht anklopfen? Ich habe zu arbeiten!“ „Das sagst du immer!“ maulte der kleine Gott. „Mach eine Pause! Draußen auf der Himmelswiese….“ „Ich habe aber keine Zeit!“ erwiderte Gottvater unwirsch. „ Ich habe noch so viele Gebete und Bitten zu bearbeiten, und das alles noch vor Weihnachten!“

Der kleine Gott schlich vorsichtig näher an den großen Schreibtisch heran. „Was wünschen sich denn die Menschen?“ fragte er neugierig. Gottvater seufzte. „Ach, alles Mögliche….Weltfrieden, Geld, ein langes Leben, Gesundheit…. Ein besonders großer Posten an Wünschen betrifft speziell Rückenschmerzen. Und es werden jedes Jahr mehr!“

„Rückenschmerzen?“ rief der kleine Gott begeistert. „Das ist doch überhaupt kein Problem!“ „Ja, vielen Dank für Deinen Kommentar!“ polterte Gottvater und erhob ein klein wenig seine Stimme. „Hast du vielleicht eine Idee? Selbst Petrus hat sich unlängst über seinen Rücken beklagt. Als ob ich bei der Schöpfung einen Fehler gemacht hätte!“

„Nein, nein, natürlich nicht!“ beeilte sich der kleine Gott zu versichern. „Aber es gibt da ein System namens Yoga, mit dem jeder Mensch seine Rückenschmerzen besiegen kann! Es kommt aus Indien und ist 3500 Jahre alt!“ „Immer dieser neumodische Kram!“ versetzte Gottvater.
„Und außerdem: Ist das nicht eine Religion? Du informierst dich bei der Konkurrenz? Das ist doch die Höhe!“

„Aber du sagt doch immer, es heißt Mitbewerber, nicht Konkurrenz!“ bemerkte der kleine Gott weise. „Ach ja. Natürlich. Mitbewerber. Aber trotzdem: Was fällt dir ein? Mein eigener Sohn….“
„Jetzt bleib doch mal locker, Papa! Es geht doch gar nicht um die Religion. Es geht um Hatha Yoga, eine uralte Tradition, die den Körper gesund macht und gesund erhält!“ Der kleine Gott ging zum Fenster und öffnete es weit.


„Wirf doch mal einen Blick hinaus auf die Himmelswiese, Papa!“ Gottvater seufzte, klappte den PC zu und trat zum Fenster. „Was machen meine Engel denn da?“ rief er empört. „Haben die denn alle nichts zu tun? Es ist kurz vor Weihnachten! Und da.., ist das etwa Petrus? Was genau tut er da? Wieso steht er auf einem Bein?“

„Sie machen Yoga, Papa! Deine Engel haben so viel gearbeitet in den letzten Wochen, dass auch ihnen der Rücken wehtat. Und jetzt macht Petrus mit ihnen jeden Tag Yoga!“ „Schick mir sofort Petrus herauf!“ rief Gottvater und kehrte an seinen Schreibtisch zurück. „Ich habe mit ihm zu reden!“
„Sofort, Papa!“ flötete der kleine Gott und stürmte hinaus.

Kurze Zeit später trat Petrus vor Gottvater und verneigte sich. „Du kannst dich ja wieder verbeugen! Was ist mit deinen Rückenschmerzen? Und was trägst du da eigentlich?“ Petrus lächelte. „Ich trage eine Hose. Es ist beim Yoga praktischer als mein Gewand. Beim Kopfstand nämlich….also, wenn ich auf dem Kopf stehe und die Füße oben sind, dann fällt mein Gewand…“


„Schon gut, schon gut!“ unterbrach Gottvater. „Ich hab´s verstanden! Und was ist das jetzt für eine neue Mode in meinem Himmel? Eine fernöstliche Praktik….“ „Keine Religion, Herr!“ unterbrach Petrus eilig. „Ja, ja, das hat mir der kleine Gott schon erklärt. Also weiter!“

„Es sind Übungen für die Gesunderhaltung des gesamten Körpers!“ erklärte Petrus. „Und es ist genial. Alle machen mit. Es ist hilfreich bei Rückenschmerzen, bei Knieproblemen und Migräne. Die Engel sind begeistert. Und ich natürlich auch! Meine Rückenschmerzen sind wie weggeblasen! Ein Herr Patanjali hat alles aufgeschrieben. Ich schicke dir den Link gerne zu!“

„Na gut, “ brummte Gottvater. „Mach das. Ich kann es mir ja mal ansehen, wenn ich Zeit habe.“
„Übrigens machen die Engel draußen jetzt das Sonnengebet!“ Petrus trat ans Fenster. „Sieh es dir an!“ Neugierig schaute Gottvater hinaus auf die Himmelswiese. Auf der großen Himmelswiese bewegten sich unzählige Engel in einer gleichmäßig fließenden Abfolge von Körperhaltungen. Es sah sehr harmonisch und ästhetisch aus.

„Gar nicht schlecht“, bemerkte Gottvater. „Wirklich sehr anmutig! Aber sag mal, ist das nicht Methusalem, da vorn in der ersten Reihe?“ Petrus lächelte. „Das ist er, in der Tat! Er sagt, er fühlt sich um Jahre jünger!“ Gottvater runzelte die Stirn. „Ist das denn nötig? Er hatte doch auf Erden schon 969 Jahre! Also wirklich!“ Petrus schwieg. „Naja, ich meine nur...“ sagte Gottvater leicht verlegen.
„Kann ich jetzt gehen, o Herr?“ fragte Petrus. „Ich möchte noch ein paar Sonnengrüße mitmachen.“ „Jaja, geh nur. Ich habe noch zu arbeiten und werde mir auch gleich den Link mal ansehen.“ Mit diesen Worten eilte Gottvater an seinen Schreibtisch zurück.

Petrus wandte sich zur Tür, drehte sich aber gleich wieder um, als er einen Schmerzensschrei hörte. Gottvater stand über den Schreibtisch gebeugt und hielt sich mit beiden Händen fest. „Mein Rücken“, stöhnte er leise. „Das tut höllisch - ich meine, das tut richtig weh!“ „Das ist wahrscheinlich ein Hexenschuss!“ sagte Petrus fachmännisch. Er trat ans Fenster und winkte dem kleinen Gott. „Komm bitte mal hoch, ich brauche deine Hilfe!“

Kurze Zeit später stürmte der kleine Gott herein. „Was gibt es denn, Petrus?“ „Wir müssen deinem Vater helfen! Ich glaube, er hat einen Hexenschuss! Fass bitte mal mit an!“ „Nein, das mache ich!“ Hinter dem kleinen Gott wurde Methusalem sichtbar. „Hallo Methusalem! Gut, dass du da bist! Hilf mir. Wir müssen ihn auf den Boden legen und die Krokodilübungen mit ihm machen!“

„Was für ein Krokodil? Was soll das sein?“ flüsterte Gottvater mit leichter Panik in der Stimme. „Soll etwa Methusalem mich halten? Das geht nicht gut!“ Doch schon hatten Petrus und Methusalem Gottvater ungeachtet seiner Proteste hochgehoben und auf dem Fußboden abgelegt. So hatte Gottvater Gelegenheit, den beeindruckenden Bizeps seines uralten Freundes zu bewundern.
Petrus und der kleine Gott brachten Gottvater mit wenigen Griffen in die Krokodildrehung und legten noch zusätzlich Hand an, um den unteren Rücken zu entlasten.

„Und jetzt noch die andere Seite! Einmal drehen, bitte!“ Der kleine Gott streichelte beruhigend Gottvaters Rücken. „Wie geht’s dir, Papa?“ fragte er besorgt. „Erstaunlicherweise schon etwas besser“, flüsterte Gottvater. „Super!“ strahlte der kleine Gott. „Dann legen wir dich jetzt noch mal in die Stufenlage, und dann machst du jeden Tag mit uns und den Engeln Yoga! Dann passiert dir so etwas nicht wieder!“

Gottvater seufzte erleichtert. „Das werde ich wirklich tun! Es scheint ja tatsächlich zu wirken, wenn ich mir Methusalem so ansehe!“ Am nächsten Morgen staunten die Engel nicht schlecht, als der kleine Gott, mit Gottvater im Schlepptau, zum Morgenyoga auf die Himmelswiese kam. Der kleine Gott hatte ein wachsames Auge auf seinen Vater, der neben ihm die Übungen mitmachte, so gut er eben konnte.

„Sag mal, gibt es denn nur Tiernamen?“ fragte Gottvater neugierig, nachdem er die Kobra, die Heuschrecke, den Delphin und die Feuerfliege kennengelernt hatte. „Gibt es denn gar nichts, das sich ein wenig christlich anhört?“ „Aber selbstverständlich gibt es das“, rief Petrus. „Wir kommen jetzt in die Berghaltung. Ich nenne sie den Berg Sinai! „